Meinungsvielfalt durch Datenanalyse
Wer bestimmt die Newsagenda? | Foto: Isaxar / Fotolia.com

Meinungsvielfalt durch Datenanalyse

Apps der großen und kleinen Nachrichtenportale erobern die Smartphones. Die Führungsposition teilen sich in dem hart umkämpften deutschen Markt der Spiegel und die Bild-Zeitung. Im Apple iTunes Store führt der Spiegel die Rangliste der kostenlosen Nachrichten-Apps an und Bild die der kostenpflichtigen. Bei Googles Play Store wird Bild ebenfalls als kostenlos geführt und liegt hier sogar vor dem Spiegel auf Platz 1.

Die Apps bieten, ebenso wie Websites, eine neue Möglichkeit der Berichterstattung. Zauberwort ist hier die individualisierte Berichterstattung mit Hilfe von Big-Data-Analystics. Kein Nutzer liest eine komplette App oder Website, die wenigsten lesen jede Titelüberschrift. Die Nachrichten-Leser selektieren die für sie relevanten Nachrichten. Theoretiker entwickelten dafür kulturabhängige und -unabhängige Nachrichtenfaktoren, wie beispielsweise die Nähe zum Ereignis und die Relevanz der Informationen, aber auch so etwas wie Prominenz.

Individualisierbare Nachrichten-Apps

Da jeder Leser bei der Selektion von Nachrichten ein eigenes Set von Kriterien anwendet, ist es eigentlich erstaunlich, dass Apps und Websites von Nachrichtenportalen noch nicht individuell auf den jeweiligen Nutzer reagieren. Denkbar wären hier Konzepte wie bei großen Online-Shops, als Paradebeispiel wäre Amazon zu nennen. Jeder Amazon-Nutzer (ob Kunde oder nicht) sieht eine auf ihn angepasste Ansicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Kunden exakt die gleichen Seite sehen, geht gegen Null. Dafür speichert und analysiert Amazon jede Interaktion auf ihrer Website. Anbieter wie die Exasol AG bieten vergleichbare Lösungen, beispielsweise für Zalando. Das Prinzip ist dasselbe: Auch hier erhält jeder Nutzer eine individuelle Ansicht auf Basis der gespeicherten Datenbasis. Durch die zunehmende Boulevardisierung und Kommerzialisierung der Medien sind vergleichbare Entwicklungen bei Nachrichtenportalen zu erwarten.

Vorstellbar ist etwa eine Spiegel-App, die durch das Auswerten meiner Lesegewohnheiten weiß, dass ich mich für Kultur, Amerika und die SPD interessiere, aber kein Interesse an Fußball habe. Die App würde mir auch während der Fußball-Weltmeisterschaft vorrangig die für mich interessanten Beiträge zu Politik und die wichtigsten News aus den USA liefern, ohne meine Startseite mit Fußball-Meldungen zu spamen. Zu Fußball würde ich allenfalls eine Meldung in Vermischtes finden.

Bei der Entwicklung individueller Nachrichtenportale sind die sogenannte Reader-Apps den Nachrichtenanbietern momentan voraus. Apps wie Flipboard, Linkedin Pulse, Taptu, Goggle Currents oder auch Facebook Paper bieten bereits individuelle Services an. Allerdings mit einem anderen Ansatz: Der Nutzer stellt sich seine Nachrichten selbst zusammen, anstatt durch ein Analyseverfahren idealisierte Ergebnisse geliefert zu bekommen.

Im Endeffekt führt ein individualisiertes Nachrichtensystem zu einem differenzierteren Meinungsbild und verbessert die Kundenzufriedenheit. Spannend bleibt die Frage, welcher Nachrichtenverlag sich Big Data Anwendungen zuerst öffnet und diese dann vom Anzeigenmarkt auch auf das redaktionelle Angebot ausweitet.

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